Ausgepresst: Hinter den Kulissen der Orangensaftindustrie

Die Produktion und der Verkauf von Lebensmitteln generieren weltweit Milliardenumsätze. Die Unternehmen, die an diesem Geschäft verdienen, übernehmen jedoch kaum Verantwortung für die Produktionsbedingungen, der von ihnen gehandelten und verkauften Produkte. Die Herstellung von Orangensaft ist hier keine Ausnahme.

Um endlich ein transparentes Bild über die gesamten Orangensaftlieferkette - vom Anbau der Orangen bis zum Marketing und Verkauf des Fruchtsaftes - zu bekommen, haben die Christlichen Initiative Romero (CIR), Instituto Observatório Social (IOS) zunächst im Juni/Juli 2013 und nun erneut im Juli 2015, gemeinsam mit der österreichischen Umweltorganisation GLOBAL 2000 eine Studie über die Orangensaftproduktion erstellt. Mehr Informationen zur Studie: siehe unten

Die Studie steht in den folgenden Versionen zum Download bereit:

 

BASISWISSEN ORANGENSAFT
Der kommerziell gehandelte Orangensaft wird entweder als “Direktsaft” oder - seit 1945 - “aus Konzentrat” hergestellt. Für den brasilianischen Export ist insbesondere der Orangensaft aus Konzentrat von Bedeutung. Hier liegt der Anteil am weltweiten Handel bei 80%. (1) Der Großteil davon stammt aus dem Bundesstaat Sao Paulo.

In den vergangenen 30 Jahren wurde eine enorme Produktivitätssteigerung in der Orangensaftproduktion erreicht, insbesondere aufgrund von dichterer Bepflanzung der Plantagen. Des Weiteren verzeichnet die Branche eine enorme Marktkonzentration. Gab es zwischen 1970 und 1990 noch 15-20 kleinere Firmen die Orangen verarbeiteten (2),  teilen sich heute drei internationale Multis den Markt: Citrosuco, Cutrale und Luis Dreyfus Commodities. Diesen drei Konzernen steht eine Vielzahl von kleinen und mittelgroßen OrangenproduzentInnen gegenüber. Die drei Saftgiganten verkaufen 50% des weltweit produzierten Konzentrats an große Saftabfüll- und Verpackungsunternehmen.

Die Konsolidierung des Marktes gibt den verbleibenden Großunternehmen eine enorme Marktmacht im Rahmen von Preisverhandlungen mit OrangenproduzentInnen und ermöglicht es ihnen regelmäßig den Einkaufspreis für Orangen unter die Produktionskosten zu drücken. Der Durchschnittspreis, den ein Produzent / eine Produzentin für eine Orangenkiste (40,8 kg) erhält, beträgt 3,4 Euro. Aufgrund dieser geringen Zahlungen des Saftkartells ist der Druck auf die ProduzentInnen und die PlantagenarbeiterInnen enorm. Die Zahl landloser AgrararbeiterInnen nimmt stetig zu.

 

MENSCHENRECHTSVERSTÖSSE IN DER ORANGENSAFT-PRODUKTION
Der Anbau von Orangen ist sehr arbeitsintensiv. Die Frucht wird überwiegend von Hand gepflückt. Die meisten ErntehelferInnen reisen von Plantage zu Plantage und arbeiten saisonabhängig in der Ernte von Orangen, Zuckerrohr und anderen Produkten. Der Lohn für diese Arbeit liegt Großteils weit unter dem , was ein Mensch zum Leben in Würde braucht. Die hochgradig prekäre Arbeit der ErntehelferInnen ist eine physische Herausforderung, schlecht bezahlt und findet ohne gesundheits- sowie rechtlichen Schutz statt.

Offiziell gibt es auf den Plantagen eine 44-Stundenwoche. Arbeitende haben das Recht zu einer einstündigen Mittagspause. Allerdings findet die Arbeit unter derart großem Druck statt, dass ArbeiterInnen häufig ihre Mittagspause nicht wahrnehmen können und de facto Überstunden verrichten. Während der Erntezeit wird Arbeitstätigkeit auch am Wochenende erwartet. Zeitkarten belegen, dass über mehrere Jahre hinweg die wöchentlichen Ruhephasen nicht eingehalten wurden und Arbeitende im Durchschnitt auf nur einen Ruhetag im Monat kommen.

ArbeiterInnen aller, im Zuge einer Erhebung besuchten Plantagen geben an, dass die zur Ernte verwendeten Leitern nicht angemessen sind. Dies führt zu häufigen Unfällen und Verletzungen. Oft sind Leitern nur in einer einzigen Länge verfügbar, müssen aber gegen Bäume unterschiedlicher Höhe angelehnt werden.

Chemikalien werden häufig versprüht während zeitgleich Arbeitende in den Feldern ernten. Dies führt zu allergischen Reaktionen und anderen Gesundheitsproblemen. Ein Training im Umgang mit toxischen Substanzen findet nicht statt, ebenso wenig wie eine Schulung in Gesundheitsfragen und Fragen der Arbeitssicherheit. UnternehmerInnen und PlantagenbesitzerInnen informieren ihre ArbeiterInnen nicht über Gefahren denen sie ausgesetzt sind und wie sie sich schützen können. Schutzkleidung ist entweder nicht vorhanden oder den Arbeiten unangemessen. Obwohl Schutzkleidung in einigen Fällen verteilt wird, beschweren sich ArbeiterInnen wiederholt über ihre schlechte und unzureichende Qualität.

Die Studie belegt weiterhin die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz. Gewerkschaftsquellen (3) legen nahe, dass in Saftfabriken männliche Angestellte eher unbefristete Verträge haben, als ihre weiblichen Kolleginnen. Aus LDC und Cutrale Fabriken wurde über die Entlassung schwangerer Frauen und Frauen mit Kindern berichtet.(4) Zusätzlich zu diesen ökonomischen Benachteiligungen sind Frauen konstanter psychologischer, physischer und sexueller Belästigung ausgesetzt.

Es herrscht eine dezidierte Anti-Gewerkschaftshaltung, sowohl auf den Plantagen, als auch in den Fabriken. ArbeiterInnen, die mit Gewerkschaften in Kontakt stehen, laufen Gefahr ihren Job zu verlieren.

 

DIE PRODUKTION VON ORANGENSAFT VERURSACHT UMWELTPROBLEME
Wollen wir die Auswirkungen (Impacts) von Produkten auf die Natur verstehen, empfiehlt sich eine sogenannte Lebenszyklussicht. Dabei werden alle Umweltimpacts berücksichtigt, die während Erzeugung, Vertrieb, Gebrauch und Entsorgung eines Produkts entstehen.

Die Marktmechanismen, die derzeit als Unlautere bzw. unfaire Handelspraktiken (Unfair Trading Pracitses) diskutiert werden, verursachen neben Menschen- und Arbeitsrechtsverstöße auch massive und langfristige Umweltprobleme. Durch intensive, ausschließlich profit-orientierte Landwirtschaft werden natürliche Ressourcen langfristig ausgebeutet und schlimmstenfalls zerstört. Das hat auch soziale Folgen, denn insbesondere benachteiligte Bevölkerungsschichten haben keine Mittel, um verlorenes Umweltkapital - z.B. sauberes Trinkwasser - zu ersetzen.

Weltweit höchster Pestizidverbrauch
Die Kultivierung von Orangen ist die pestizidintensivste Form der exportorientierten brasilianischen Landwirtschaft.(5) Seit 2008 führt Brasilien die traurige Weltrangliste im Pestizidverbrauch an,(6) mit explodierendem Bedarf im vergangenen Jahrzehnt (190%), Tendenz weiter steigend. Auch der milliardenschwere brasilianische Pestizidmarkt wird von wenigen internationalen Unternehmen dominiert, die hier noch immer Pestizide verkaufen, die in ihren Heimatmärkten längst verboten sind. (7)

Seit 2007 hat sich die Anzahl der gemeldeten Pestizid-Vergiftungen auf 4.537 Fälle nahezu verdoppelt. Auch die Arbeitsunfälle im Zusammenhang mit Pestiziden sind in diesem Zeitraum um 67% angestiegen – ebenso die Zahl der gemeldeten Todesfälle von 132 auf 206. Die Dunkelziffern sollen noch weitaus höher sein. Als Anfang des Jahrtausends die sogenannte Greening Sickness, eine aus Asien stammende bakterielle Orangenkrankheit, in Brasilien auftauchte, ist vor allem der Einsatz des als extrem Bienen-gefährdende Neonicotinoid-Insektizide explodiert. Bekämpft wird damit vor allem ein kleines Insekt, das die Krankheit überträgt. Davon mitbetroffen sind aber auch Honig- und Wildbienen, die die blühenden Orangenbäume bestäuben. Allein in der Gemeinde Rio Claro – Sao Paulo, wurde zwischen 2008 und 2010 der Verlust von 10.000 Bienenstöcken durch Insektizide gemeldet.

Die Klimabilanz von Orangensaft
Der Vergleich dreier “lifecycle studies” (Lebens-Zyklus Studien) (8) legt nahe, dass ein Liter Orangensaft ungefähr einen ökologischen Fußabdruck (footprint) von 1kg CO2 equivalent aufweist. Dies ist vergleichbar mit dem footprint von bio-zertifizierter Milch. Vor allem der hohe Düngerverbrauch, der Energiebedarf in der Produktion und die langen Transportwege fallen beim Orangensaft ins Gewicht.
Wenn wir unseren Frühstücksaft unter einer lifecycle Perspektive betrachten wird klar, dass auch wir als KonsumentInnen einen direkten Einfluss auf den ökologischen Fußabdruck unseres Saftes haben:

Sie sind mit dem Auto zum Supermarkt gefahren? Selbst wenn Sie mehr als eine Packung Orangensaft gekauft haben und sich somit die Umweltwirkung auf mehrere Produkte verteilt, haben Sie soeben mehr zum CO2-Fußabdruck Ihres Saftes beigetragen, als der gesamte Transport von Lateinamerika nach Europa.

Wie sieht es aber mit der Verpackung aus? Das deutsche Umweltbundesamts empfiehlt Mehrwegverpackungen. Denn Mehrweg ist aus Umweltsicht und auch aus Sicht regionaler Wertschöpfung der beste Weg. Dabei ist es egal, ob die Mehrwegflasche aus Kunststoff oder Glas ist. Beide schneiden in der Ökobilanz um vieles besser ab, als Dosen oder Einwegflaschen. Die gute Nachricht für den Orangensaft: der Verbundkarton ist fast so gut wie Mehrwegverpackung, aber nur dann, wenn Sie sich darum kümmern, dass er dem Recycling zugeführt wird.

 

DIE ORANGENSAFTSTUDIE: AUSGEPRESST - Hinter den Kulissen der Orangensaftindustrie
Die Orangensaftstudie zeichnet ein transparentes Bild der gesamten Orangensaftlieferkette, vom Anbau der Orangen zum Marketing und Verkauf des Fruchtsaftes. Die Studienresultate in Brasilien und Europa werfen einen Blick hinter Kulissen, die europäische Handelsketten gerne aufrechterhalten würden. Sie belegen Abhängigkeit und Ausbeutung der ArbeiterInnen und massive Umweltschäden, insbesondere durch Pestizideinsatz. Es wird ein Überblick über die Zitrusfrüchte-Industrie in Brasilien gegeben und die Profile der zentralen Unternehmen vorgestellt, die in diesem Sektor agieren, von Anbau und Ernte, über die Erstellung von Konzentrat in Brasilien, zu den Abfüllbetrieben und Handelsketten in Europa. Die entscheidenden Unternehmen in Brasilien sind Sucocítrico Cutrale Ltda. (Cutrale), Citrosuco S/A Agro (Citrosuco) ynd Louis Dreyfus Commodities Agroindustrial S/A (LDC). Als zentrale Akteure im europäischen Handel und Verkauf werden Aldi und Lidl untersucht.

Die vorgestellten Ergebnisse basieren auf qualitativen Feldstudien. Diese wurden durchgeführt von der Christlichen Initiative Romero (CIR), zunächst im Juni/Juli 2013 und nun erneut im Juli 2015, gemeinsam mit der österreichischen Umweltorganisation GLOBAL 2000. 2013 wurde ebenfalls eine Studie des Instituto Observatório Social (IOS) in Auftrag gegeben. Zusätzlich zu den im Rahmen dieser Forschungsreisen ermittelten primären Quellen (Interviews mit Arbeitenden, GewerkschaftsvertreterInnen etc.) wurden diverse sekundäre Quellen herangezogen, unter anderem Publikationen der genannten und weiterer Unternehmen, von Handelszusammenschlüsse, Regierungsveröffentlichungen, Fachpresseartikel, sowie verschiedene wissenschaftliche Studien.

Die Studie steht in den folgenden Versionen zum Download bereit:

 

Quellen:

(1) C.f. Commodities: Orange Juice, http://www.investopedia.com/university/commodities/commodities14.asp (Zugriff am: 22.09.2015).
(2) C.f. http://www.iea.sp.gov.br/out/verTexto.php?codTexto=3018 (Zugriff am: 22.09.2015).
(3) Quellen Piratininga, Duartina and Mogi Mirim
(4) Quelle Mogi Mirim
(5) C.f. Neves, Marcos Fava : An Overview of the Brazilian Citriculture 2009
(6) Agência Nacional de Vigilância Sanitária. Programa de Análise de Resíduos de Agrotóxicos em Alimentos (PARA). Relatório de Atividades de 2011 e 2012. Brasília: Agência Nacional de Vigilância Sanitária; 2013
(7) PAN;Highly hazardous pesticides from BASF, Bayer, and Syngenta! Results of an international investigation. 2012. http://www.pan-germany.org/download/Big3_EN.pdf  (Zugriff am: 22.09.2015).
(8) Carbon & water footprint of oranges and strawberries. A literature review. Mordini, M., Nemecek T., Gaillard G. Hrsg. Zürich, Agroscope Reckenholz-Tänikon ART. December , 2009, 1-76 S. http://www.saiplatform.org/uploads/Library/WG%20Fruit%20-%20ART%20Final%20Report.pdf (Zugriff am: 22.09.2015).

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